
125 Jahre
Sonderverein der Züchter Deutscher und Polnischer Langschnäbliger Tümmler
gegr.1886
von Siegmar Leiste, Halberstadt
Die Züchter der langschnäbligen Tümmler wirkten regional. So wurden in den Städten Berlin, Braunschweig, Bremen, Celle, Halberstadt, Hannover, Krakau und Magdeburg diese Flugtauben gezüchtet.
Die Taubenhaltung war ein Privileg des Adels und der Großgrundbesitzer. Dies lockerte sich erst nach dem Befreiungskrieg von 1813. Der erste deutsche Taubenliebhaberverein wurde 1845 im Erzgebirge gegründet. Diese „Taubeninnung Buchholz“ führte dann im Jahre 1848 ihre erste Ausstellung durch.
In Anhalt fand die erste Taubenausstellung 1852 in Wörlitz statt. Zwanzig Jahre später wurde dann der „Köthener Geflügelzuchtverein von 1872“ gegründet. Die erste große allgemeine Geflügelausstellung des „Geflügel- und Vogelschutz-Vereins zu Calbe“ wurde im März 1894 durchgeführt. An ihr beteiligten sich die erfolgreichen Züchter Rudolf Ortlepp und Franz Siede aus Magdeburg. Die Herren Kommerzienrat du Roi aus Braunschweig und C. Boetticher aus Halberstadt prämierten die Tiere. Anlässlich der Eröffnung der zweiten Ausstellung durch den Vorsitzenden, Herrn Fabrikbesitzer W. Knauer, merkte dieser an, dass die Klassen der langschnäbligen Tümmler eine Spezialausstellung mit 100 Nummern Bärtchen und 52 Nummern Elstern bildeten.

Kopfstudie des Magdeburger Gehl 1822 von Georg Selchow
Im „Magdeburger Verein für Geflügelzucht von 1873“ hing ein Bild, 1822 gemalt von Georg Selchow. Er nannte es „Magdeburger Gehl“. Darauf abgebildet war ein gelber Weißschwanz mit langem Schnabel. (Zurth 1948). Das bedeutet, dass diese Rassen seit mehr als 200 Jahren in Deutschland gezüchtet wurden.
Der erste Sonderverein für langschnäblige Tümmler wurde im Februar 1886 in Berlin gegründet. Im Wolffschen Kaufhaus in der Oberwallstraße 14 versammelten sich Haushofmeister Meyer, Hauptmann Gain, Professor Dürigen, und die Züchter Becker, Ruff, Fürst, Schröder und Franz Schäfer, um den „Sonderverein der Züchter langschnäbliger Tümmler“ aus der Taufe zu heben. (Steinke 1986). Bruno Dürigen und Rudolf Ortlepp schrieben 1886 in dem Werk „Die Geflügelzucht“, dass der deutsche Elstertümmler von der Kopenhagener und Krakauer Elster fast verdrängt war und einen langen Schnabel hatte, der bei schwarzen rein schwarz war. Das Bärtchen bildete seit langem in Braunschweig, Magdeburg und Halberstadt einen dort mit Vorliebe gezüchteten und durch keine andere Rasse zu verdrängenden Tümmlerschlag.
Bald darauf formierten sich der „Club der Elsterzüchter“ und ein „Bärtchenzüchter-Club“. Am 21. November 1897 führte der „Club der Züchter langschnäbliger Bärtchentümmler“ in der Reichshalle zu Magdeburg seine erste Junggeflügelschau durch. 23 Züchter stellten 132Nummern mit jeweils einem Paar, also 264 Bärtchen aus. Die Preistiere stammten aus den Zuchten des 1.Vorsitzenden Knauer, Calbe sowie von Züchtern aus Braunschweig, Magdeburg, Wolfenbüttel, Schöppenstedt, Gr.-Salze und Halberstadt.
Max Osborg meldete am 3. Oktober 1898 an den „Geflügelzucht- und Vogelschutzverein zu Hettstedt“ drei Paare Bärtchen in die Prämierungs- und vier Paare in die Verkaufsklasse an. Er war damals Kassierer im „Club der Züchter langschnäbliger Bärtchen“ sowie zeitgleich Schriftführer im „Halberstädter Taubenzüchterverein“. Weitere Aussteller waren Tischmeyer, Weidenhagen, Lederbogen und Heyden. 1906 vereinigten sich die drei Spezialklubs zum „SV für langschnäblige Tümmler“. Zum 1.Vorsitzenden wählte man Fritz Becker aus Calbe. ( Doll, 1995)
Um 1912 übernahm Wilhelm Gorgaß aus Magdeburg den Vorsitz. Er war der führende Elsterzüchter dieser Zeit. Gute Beziehungen zu englischen Züchtern ermöglichten es ihm, modernes Zuchtmaterial für sich und seine Freunde zu beschaffen. Zeitnah gründeten die Züchter der „Galizier Silberelstern“ einen eigenen SV.
Im Jahr 1920 wurde Max Gallrein aus Magdeburg die Leitung des Sondervereins übertragen. Er schrieb regelmäßig Aufsätze für die Geflügelbörse. Die Musterbeschreibung für langschnäblige Tümmler legten am 11. Juni 1922 die Teilnehmer der Generalversammlung des „Clubs der Züchter langschnäbliger Tümmler“ in Oschersleben fest.
Am 25. Oktober 1924 trafen sich die Delegierten einzelner Klubs in Hannover. Ziel war die Gründung des „Verbandes zur Pflege des langschnäbligen Tümmlers“. Als Vorstand wurden gewählt: 1.Vorsitzender: Max Osborg, Halberstadt (Oberrealschullehrer), 2. Vorsitzender: August Fürst, Berlin-Neukölln, Schriftführer: Johannes Freyer, Bremen, Kassenwart: Willy Jakob, Frankenberg, Beisitzer: Dir. Richard Blume, Hildesheim und Roscher, Burkhardtsdorf. In den Folgejahren wurden die Verbandsmitglieder immer aktiver. So schrieb Johannes Freyer 1925 in „Der Tauben-Züchter“ einen bemerkenswerten Fachartikel über die schwarzen langschnäbligen Weißschwanz-Tümmler. Der „Magdeburger Verein für Geflügelzucht von 1873“ erkannte nicht die zwingende Notwendigkeit dieses Verbandes und nahm dessen Beitrittserklärung nicht an. Im Jahr 1927 wurde Otto Herbst zum Vorsitzenden des „Verbandes zur Pflege des Langschnäbligen Tümmlers“ gewählt. Doch bereits 1930 legte er den Kommandostab wieder nieder.
Im Zuge der Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten wurde Fritz Schaefer aus Potsdam 1933 Vorsitzender aller bestehenden Klubs der Züchter langschnäbliger Tümmler. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gab es 1945 einen Neuanfang. Obwohl die Züchter aus dem gesamten Deutschland Kontakt untereinander hielten, wurden zwei Sondervereine gebildet.
Im Osten wurde Otto Schröder aus Schönebeck Obmann der „Züchtergemeinschaft der langschnäbligen Tümmlertaube“, Sitz Magdeburg (gegr. 1906). Der nächste Obmann der Spezial-Zucht-Gemeinschaft (SZG) wurde Gustav Köppe 1953. Er war leidenschaftlicher Bärtchenzüchter und Zuchtrichter. In Betrachtung der Ausstellungsperiode 1956/57 mit der 3. DDR-Siegerschau konstatierte er, dass neben feinen rassigen Tieren (Medaillen an Hartung, Löhr, Pradelt und Otto) auch solche mit Halsknoten, kurzen Ständern und den verpönten Hängeschnäbeln zu sehen waren. 1968 war Armin Kretschmar, Wernigerode, Obmann der SZG. Er züchtete Galizische Silberelstern. 1971 übernahm Karl Becker aus Halberstadt das Amt. Im Wettbewerb mit Harry Baltzer, Kurt Friebel und Georg Pradelt stellte er Magdeburger Weißschlag-Weißschwänze in Rot und Schwarz aus. Bereits 1973 wurde der Staffelstab an Herbert Meyer, Schönebeck, übergeben. Er war Direktor der dortigen Brauerei und züchtete Deutsche langschnäblige Elstern in Schwarz. Dem Wunsch seines Vaters Georg folgend, führte ab 1977 Hans Pradelt, Ermsleben, die Spezial-Zucht-Gemeinschaft (SZG) der langschnäbligen Tümmlertaube.
Herbstversammlung 1979 der SZG in Halberstadt
v.l.n.r.: Fr. Heitmann, H. Pradelt, E. Faulbaum, Th. Wendt, H. Thorun, H. Pohlmann, B. Sonnenberg, G. Otto, H. Bekurts, E. Schreiber, Fr. Piorr, W. Kapust, A .Ilgenstein, G .Pradelt, H. Behse, W. Knöpfel, Fr. Broer, K. Becker, A. Münich, K. Friebel
Nach dem plötzlichen Ableben von Georg und Hans Pradelt im Frühjahr 1982, wurde Waldemar Kapust aus Halberstadt zum Obmann gewählt. Er organisierte die SZG-Versammlungen in Halberstadt und Umgebung. Dabei erstreckten sich die Jahreshauptversammlungen immer über zwei Tage und waren mit einem geselligen Züchterabend, gemeinsam mit den Ehefrauen, verbunden.
Nach dem Ausscheiden von Horst Idasiak aus dem „Sachsenverein“ führte Manfred Zschammer die sächsischen Züchter in die SZG. In Markkleeberg wurde 1985 beschlossen, dass die Hauptspezialschauen abwechselnd in Geringswalde und Magdeburg durchgeführt werden sollten.
Karl Behn aus Brome in seinem Taubenschlag
In Westdeutschland gründeten am 19. November 1948 die Züchter einen „SV der Züchter langschnäbliger Tümmler“ und Karl Behn, Brome wählte man zum 1.Vorsitzenden. Er war erfolgreicher Aussteller von langschnäbligen Elstern und Einfarbigen.
Am 8. November 1964 berief Karl Behn eine SV-Generalversammlung in Hannover ein. Nach der Entlastung des Vorstandes trat er aus gesundheitlichen Gründen zurück. H. Bovenschen aus Köln wurde mit fünf mündlichen und 25 schriftlichen Stimmen zum 1.Vorsitzenden gewählt. Nach dessen Rücktritt am 9. Mai 1965 leitete Willi Grahe aus Braunschweig den Sonderverein. Die bisher im SV angeschlossenen Züchter der Dänischen Tümmler und der Galizier Silberelstern gründeten 1964 bzw. 1966 eigene Sondervereine.
Bei der JHV am 21. November 1976 legte W. Grahe den Vorsitz aus Altersgründen nieder, worauf Olaf Steinke, Rheinfelden, einstimmig zum 1. Vorsitzenden gewählt wurde. Unter seiner Regie wurden die Standards der Deutschen langschnäbligen Elster und der Mitteldeutschen langschnäbligen Tümmler zusammengefaßt und der neue Rassename „Deutsche Langschnäblige Tümmler“ kreiert.
Nach der friedlichen Revolution vom November 1989 konnten auch die Züchter aus der DDR Ausstellungen und Züchter in der BRD besuchen. So beherbergten Edeltraut und Klaus Brettmacher vier Besucher der Hauptsonderschau in Grebenstein. Die erste gemeinsame Ausstellung mit Tauben aus Ost und West fand im Herbst 1990 in Magdeburg-Ottersleben statt.
Erstes Treffen SZG-SV: Waldemar Kapust (r.) und Olaf Steinke
Nach dem Beitritt der DDR zur BRD konnten auch die Mitglieder der SZG der langschnäbligen Tümmlertaube dem SV der Züchter der Deutschen Langschnäbligen Tümmler beitreten, dies geschah im Januar 1991 in Kassel. Nach Vorgesprächen der ostdeutschen Züchter Kapust, Otto und Schepuck mit den westdeutschen Züchtern Steinke, Bock, Fester und Fuhrer, kam es am Sonntag, dem 13. Januar zu einer ersten gemeinsamen Versammlung. Dort wurde die Standarderweiterung erläutert und einstimmig angenommen. Nach der durchgeführten Wahl setzte sich der neue Vorstand wie folgt zusammen: 1. Vorsitzender: Olaf Steinke; 2. Vorsitzender: Waldemar Kapust; 3. Vorsitzender: Heiner Moshage; 1. Schriftführer: Bernhard Strotjohann; 2. Schriftführer: Wolfgang Göbel; Kassierer: Joachim Fuhrer; 1. Zuchtwart: Günter Otto; 2. Zuchtwart: Olaf Steinke.
Auch die Züchter der Polnischen Langschnäbligen Tümmler schlossen sich, unter Mitwirkung von Wolfgang Göbel, ebenfalls wieder dem SV an. Auf der Jahreshauptversammlung von 1992 in Heide wurde der Name „SV der Züchter Deutscher und Polnischer Langschnäbliger Tümmler“ angenommen.
Im Mai 2004 verstarb Olaf Steinke. Mit viel Fleiß und großem Geschick hatte er den Sonderverein fast 28 Jahre lang gelenkt. Auf der folgenden Jahreshauptversammlung in Markersbach wurde Karl-Heinz Wintermeyer zum 1. Vorsitzenden gewählt. Seit dem 21. August 2004 setzt er sich mit großem Engagement für die Rasse, die Züchter und den SV ein.
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
- der Zuchtstand der Polnischen Langschnäbligen Tümmler erlaubt wie jede Taubenzucht keinen Stillstand
von Andreas Rambow, Doberlug-Kirchhain
Das Zuchtgeschehen um unsere Tauben, die Polnischen Langschnäbligen Tümmler, wurde in den letzten 125 Jahren nahezu lückenlos vom Sonderverein der Züchter Deutscher und Polnischer Langschnäbliger Tümmler, gegr. 1886 begleitet.
Untrennbar mit der Entwicklung in Deutschland verbunden und deshalb nie vergessen, ist die Zuchtarbeit im Ursprungsland Polen gewesen. Jederzeit waren ausreichende Kontakte vorhanden, sich gegenseitig nicht aus den Augen zu verlieren und zum Vorteil der Zuchten beiderseits der Grenzen den züchterischen Austausch zu pflegen. Der Wunsch nach einem noch intensiveren Kontakt zwischen den Züchtern bestand jedoch immer.
Wenngleich die Rassebezeichnung mit den Jahren auch wechselte (Galizier, Galizier Silberelster, Silberling u.a.) und das Züchterideal des angestrebten Typs der Rasse sich wandelte - eines verband die Züchter unserer Tümmler immer, die Liebe zum Hobby und zum Tier.. So ging die Entwicklung einmal von „dickköpfigen und dickhalsigen Gesellen“ aus, wie sie F. Schaefer aus Bernburg 1954 in der Geflügelzeitung beschrieb bis hin zum „modernen“ hochgestellten, eleganten Typ der heutigen Tage.

Polnischer Langschnäbliger Tümmler
0,1 VDT Leipzig 2009 sg 95 Z
Andreas Rambow, Doberlug-Kirchhain
Wenn der Leitsatz lautet, dass Taubenzucht keinen Stillstand erlaubt, so ist die davon ausgehende Dynamik und der Auftrag gerade bei unseren Polnischen Langschnäbligen Tümmlern eine Widerspiegelung der jahreslangen züchterischen Aktivität. Nur aktive Zuchtarbeit hat uns die gewünschten Schritte hin zu Veränderungen und Weiterentwicklung ermöglicht, aber auch zur Festigung des Erreichten im Erscheinungsbild unserer Tiere.
So haben wir derzeit kaum mehr mit den „Lastern“ der Anfangstage zu kämpfen, die erwähnten „plumpen“ Figuren gehören der Vergangenheit an, häufige Federverfärbungen wie Ockerbrust oder stachelig wirkende Hälse aus Kreuzungszeiten sind Dinge der Vergangenheit. Mit der „Modernisierung“ haben aber neue Probleme Einzug gehalten: Schilf im Schwanz, unzureichende Kopfpunkte – Hinterkopfrundung, Keilfülle, Oberkopflinie, Augenrand sollen nur einige der zu bearbeitenden Punkt sein.
Unsere Wegbegleiter in Polen rücken heute wieder näher mit uns zusammen. Die gegenseitigen Besuche häufen sich, gerade bei großen Verbandsschauen oder Treffen der Organisationen ist der gegenseitige Austausch jetzt besonders wichtig. Europaweit einheitliche Standards werden überall gebildet und werden auch vor unserer Taubenzucht nicht Halt machen. Leider bremsen die Sprachbarrieren noch viel zu oft das gewünschte Miteinander. Die Anfänge wurden bereits von unseren Vorvätern und Vorbildern gemacht, es liegt an uns, diese zarten Bande zu nutzen und zu erweitern.
Denn die Zukunft kündigt sich an, ein Stillstand gibt es nicht, doch wo die gemeinsame Weg hinführen mag, bleibt das spannende Geheimnis unserer eigenen Arbeit.